Einseitig offene Beziehung – kann das gut gehen?

Glücklich ist, wer eine gesunde Partnerschaft führt. Freud und Leid werden gemeinsam erlebt, die eigene Existenz findet ihren Ankerpunkt in einer geliebten Person. Doch viele Paare stellen sich früher oder später die Frage, ob sie ihre Liebe nicht ein wenig öffnen wollen. Wie aber sieht es aus, wenn ein solcher Wunsch einseitig vorgetragen wird – er also einen Menschen begünstigt, den anderen jedoch einschränkt? Kann die einseitig offene Beziehung erfolgreich sein?

Die einseitig offene Beziehung – was ist das eigentlich?

Traditionell umfasst eine Partnerschaft genau zwei Menschen. Eben das Paar, das sich vielleicht sogar die ewige Treue geschworen hat, das eventuell eine Familie gründet oder das auch zu zweit viele schöne Jahrzehnte verbringt. Bei einer offenen Beziehung werden solche engen Grenzen durchbrochen. Je nach Wunsch der Beteiligten wäre es nun möglich, sich auch außerhalb der gemeinsamen Liebe ein wenig zu vergnügen. Üblicherweise gilt dabei das gleiche Recht für alle: Beide Partner dürfen sich daher nach einem Flirt umsehen. Die einseitig offene Beziehung weicht von diesem Schema ab – bei ihr ist es lediglich eine Person, die sich innerhalb der weiterhin intakten Partnerschaft nach neuen Freundschaften, One-Night-Stands oder sogar längerfristigen Liebesaffären sehnt.

Das Gerechtigkeitsempfinden regt sich

Bereits beim ersten Überdenken einer solchen Konstellation stellt sich die unbequeme Frage: Warum sollte einer Person das erlaubt sein, was der anderen verboten bleibt? Die einseitig offene Beziehung wirkt ungerecht – und ist es an sich auch. Nicht selten folgen auf den einmal vorgetragenen Wunsch daher endlose Debatten und nicht selten auch Streitigkeiten. So sehr ein Mensch für sich ein neues und umgreifendes Maß an Freiheit wünscht, so sehr lehnt er Gleiches für seinen Gegenüber strikt ab. Wie soll auf dieser Basis weiterhin eine gesunde Partnerschaft geführt werden können? Derartige Gedanken und Gefühle sind richtig. Dennoch lohnt es sich, einmal hinter die Zweifel zu schauen, die die einseitig offene Beziehung aufwirft: Muss das scheinbare Problem tatsächlich wie eine unüberwindbare Hürde vor uns stehen?

Zwei Herzen sind oft verschieden

So groß die Liebe zwischen zwei Menschen auch sein mag – eine echte Gleichberechtigung zwischen beiden Partnern lässt sich nur selten einmal finden. Was dem einen gefällt, ist dem anderen vielleicht ein Dorn im Auge. Selbst die Tagesabläufe sind nicht zwingend deckungsgleich, Hobbys können voneinander abweichen, die Freunde des einen sich von jenen des anderen deutlich unterscheiden. Ist es da nicht nur folgerichtig, dass auch in den existenziellen Fragen der Partnerschaft ungleiche Wege beschritten werden? Fatal wäre es lediglich, wenn die Suche nach einer Affäre heimlich ablaufen würde. Solange aber beide Betroffene guten Gewissens in eine einseitig offene Beziehung einwilligen oder dieser widersprechen können, ist zumindest ein offensichtlicher Betrug ebenso wie eine klare Ungleichbehandlung zunächst nicht zu erkennen.

Gefühle lassen sich nicht unterdrücken

Darüber hinaus ist zu bedenken, dass der Wunsch nach einer gemeinsamen Partnerschaft – idealerweise bis ans Lebensende – zwar romantisch und sinnvoll ist. Doch immer wieder regen sich Empfindungen bei vielen Menschen, die in der Zweisamkeit an ihre Grenzen stoßen. Vielleicht ist es das gute Gespräch, das mit dem Partner nicht geführt werden kann. Vielleicht sind es aber auch sexuelle Fantasien und Sehnsüchte, die mit dem jeweiligen Gegenüber nicht zu stillen sind. Wäre es da nicht besser, sich eine kurze Affäre zu suchen – statt jahrelang das Gefühl zu haben, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht ausleben zu können? Die einseitig offene Beziehung muss in dieser Hinsicht auch nicht der bisher geführten Partnerschaft im Wege stehen. Vielmehr kann sie dieser einen zusätzlichen Reiz verleihen.

Auf die eigene Wahrnehmung achten

Allerdings ist es bei solchen Umständen auch wichtig, seine eigenen Gefühle nicht zu leugnen. Wer sich durch die einseitig offene Beziehung zurückgesetzt, unterdrückt oder vielleicht sogar betrogen fühlt, sollte darüber mit der Partnerin oder dem Partner jederzeit reden können. Keinesfalls darf der eine Betroffene strikt und unter Zwang das ausüben, was er dem anderen stets verweigert. Vor dem Suchen einer Affäre muss daher in einem gemeinsamen Gespräch die Übereinkunft erzielt werden, dass beide Partner damit einverstanden sind, die Beziehung ein wenig zu öffnen. Rücksichtnahme vor einander und der gegenseitige Respekt für die Gefühle eines geliebten Menschen sind dabei die Grundpfeiler, die keinesfalls ungestüm eingerissen werden dürfen. Wer diese Werte jedoch mutwillig missachtet, schadet seinem Gegenüber tatsächlich in schwerem Maße.

Sich gegenseitig glücklich machen

Überhaupt stellt sich die Frage, ob wir nicht deshalb in eine Partnerschaft eingetreten sind, weil wir jemanden sehr glücklich machen möchten – und weil uns diese Person alleine durch ihre Anwesenheit, ihre Worte, ihr Verhalten und ihre Liebe genau dieses Glück in vielfacher Form zurückgibt. Ist es unter solchen Umständen nicht vielleicht doch möglich, dem Partner einige der Freiheiten zu gönnen, die man für sich selbst weiterhin ablehnt? Entscheidend dabei ist der offene Umgang mit den auftretenden Gedanken und Gefühlen. Keiner der Beteiligten sollte den Eindruck gewinnen, dass seine Ansichten und Bedürfnisse übergangen werden. Gelingt das, kann eine einseitig offene Beziehung sogar die Basis einer langen und glücklichen Partnerschaft bilden.